03.10.2026 | 5 Min

Politik auf dem hohen Ross? Warum sich so viele Bürger nicht mehr abgeholt fühlen

Ein Strandkorb auf dem Balkon des Kanzleramts – mehr braucht es manchmal nicht, um eine ganze Debatte loszutreten. Als mir auf Instagram die ersten Reels mit Philipp Amthor aus der ZDF-Doku „Inside CDU“ angezeigt wurden, dachte ich ehrlich gesagt zuerst an die heute-show. Satire? KI? Weder noch: Es war eine echte Dokumentation.

Die Empörung im Netz war riesig. Und genau das hat mich ins Grübeln gebracht. Hat sich die Politik wirklich so weit vom Alltag der Menschen entfernt? Oder steigern wir uns da gerade in etwas hinein? In fünf Punkten schaue ich mir an, woher der Frust kommt – und warum er alle Parteien gleichermaßen betrifft.

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  1. Der Strandkorb: nichts Verbotenes, aber kein Gespür für die Lage

Fangen wir fair an: Amthor hat nichts falsch gemacht. Er hat ein Amt erreicht, das er angestrebt hat, und freut sich darüber. Das ist ein Karrieresprung, und den gönne ich ihm. Den Strandkorb hat er nach allem, was bekannt ist, selbst bezahlt. Dann darf er dort auch einen Strandkorb, ein Rennrad oder eine Skulptur hinstellen – juristisch ist das nicht angreifbar.

Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Wer weiß, dass eine ZDF-Doku potenziell ein Millionenpublikum erreicht und viral gehen kann, muss doppelt und dreifach überlegen, was er zeigt. Gerade dann, wenn die eigene Partei in manchen Bundesländern kaum noch eine Rolle spielt.
In einer Zeit, in der Sprit an der Zapfsäule teuer ist, viele sich das kaum noch leisten können und über ein paar Cent Entlastung gerungen wird, wirkt ein großzügiges Büro mit Strandkorb eben dekadent.

Mein Rat wäre gewesen: „Nein, das zeige ich nicht.“ Nicht, weil es verboten ist, sondern weil es in der aktuellen Stimmung keinen schlanken Fuß macht. Das Ergebnis ist das Gefühl: die da oben, wir da unten.

  1. Gespielte Volksnähe – quer durch alle Parteien

Eins vorweg: Das ist kein Problem einer einzelnen Partei. Links, rechts, Mitte, ob schwarz, grün, rot, gelb oder blau – das Muster ist überall dasselbe. Gerade an den politischen Rändern gelingt es manchen besonders gut, Volksnähe zu suggerieren und zu sagen: „Ich bin einer von euch.“
Ein Beispiel: Linken-Chefin Heidi Reichinnek spricht von der Enteignung großer Wohnungskonzerne und höheren Steuern für Reiche – und trägt dabei eine Tiffany-Kette. Das darf sie, sie verdient gutes Geld. Aber es wirkt wie Reden mit gespaltener Zunge. Und genau solche Widersprüche finden sich in jedem Lager.

Das Gefühl von Nähe wird erzeugt. Echte Nähe zur Lebensrealität der Menschen gibt es dagegen oft schon lange nicht mehr.

  1. Berufspolitiker kennen die Probleme nur vom Hörensagen

Wenn Politiker über Armut, hohe Mieten, Arbeitslosigkeit oder die Belastung von Unternehmen sprechen, haben sie diese Probleme meist nie selbst erlebt. Viele sind Berufspolitiker, die nie Arbeitgeber, nie klassischer Arbeitnehmer und nie arbeitslos waren. Also wird wiederholt, was Berater vorkauen und was in Umfragen gut ankommt.

Die Menschen merken das. Themen werden aufgegriffen, um der Konkurrenz ein paar Prozentpunkte abzujagen – und beim nächsten Trend folgt die Kehrtwende. Das fühlt sich nicht nach Überzeugung an, sondern nach Taktik.

Hinzu kommt die räumliche Distanz: Der Personenschutz für Spitzenpolitiker wird immer aufwendiger. Ob das nötig ist, kann ich nicht beurteilen. Aber es verstärkt den Eindruck einer abgeschotteten Klasse, die in ihrer eigenen Welt lebt.

  1. Doppelmoral kostet Glaubwürdigkeit

Beispiel Dienstwagen: Viele fahren noch mit Verbrenner, während Unternehmen über Nachhaltigkeitsrichtlinien und Regulierung Richtung Elektromobilität gedrängt werden. Der Umstieg an sich ist nicht das Problem. Das Problem ist das „Wasser predigen, Wein trinken“ – und dass es niemand erklärt.

Dazu kommt der Ton. Wenn Reporter angeblasen werden, weil ein Rednerpult nicht die vereinbarte Höhe hat, wirkt das schlicht unsympathisch und abgehoben. Und wenn Aussagen abgestritten werden, die nachweislich auf Band sind, ist das in jeder Firma und jeder Beziehung ein Problem. In der Politik wird es hingenommen und ist übermorgen vergessen.

Auch der Umgang mit Kritik spricht Bände. Wenn sich ein Politiker wie Jens Spahn nach umstrittenen Entscheidungen beklagt, seine Person werde „politisiert“, kann ich nur sagen: Wer in der Politik ist, wird auf die Goldwaage gelegt. Das gehört zum Job. Wer das nicht will, muss sich eben so verhalten, dass es nichts zu kritisieren gibt.

  1. Fazit: Nicht die Demokratie muss sich ändern, sondern die Politiker

Ich glaube nicht, dass das Vertrauen in unser System grundsätzlich kaputt ist. Demokratie, Gewaltenteilung und Föderalismus funktionieren in Deutschland. Und wer sagt, man dürfe heute nicht mehr sagen, was man früher gesagt hat, liegt schlicht falsch. Was sich verändert hat, ist das Gefühl.
Dieses Gefühl entsteht durch Abgehobenheit, Doppelmoral und fehlende Lebenserfahrung.

Daraus wird Politikverdrossenheit – und im schlimmsten Fall Demokratieverdrossenheit. Wir müssen den Menschen deshalb nicht die Demokratie neu erklären. Die Politiker müssen sich an die eigene Nase fassen, vom hohen Ross herunterkommen und zeigen, dass sie die Probleme wirklich verstehen.

Mein Wunsch: mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft in der Politik. Leute, die gearbeitet haben, die Arbeitgeber oder Arbeitnehmer waren, vielleicht auch mal arbeitslos. Sie wissen, wovon sie reden – und genau das spüren die Wähler.

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