08.08.2026 | 5 Min

Warum Deutschland kaum noch Selfmade-Milliardäre hervorbringt

Wer in Deutschland wirklich reich ist, hat sein Vermögen häufig nicht selbst aufgebaut, sondern geerbt. Rund drei Viertel der deutschen Milliardäre sollen ihr Vermögen zumindest maßgeblich einer Erbschaft verdanken. Das wirft eine spannende Frage auf: Warum bringt Deutschland heute vergleichsweise wenige neue Selfmade-Milliardäre hervor – und was sagt das über unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus?

erben
  1. Altes Geld dominiert in Deutschland

Der hohe Anteil geerbter Milliardenvermögen hat historische Gründe.

Deutschland gehörte bereits während der ersten und zweiten industriellen Revolution zu den bedeutendsten Industriestandorten der Welt. Stahlproduktion, Maschinenbau, Automobilindustrie und zahlreiche weitere Branchen brachten große Unternehmen und entsprechende Familienvermögen hervor.

Viele dieser Vermögen wurden über Generationen weitergegeben.

Hinzu kam das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Zahlreiche deutsche Unternehmen entwickelten sich zu internationalen Größen und schufen damit neue Vermögen.

Das Problem ist also nicht, dass Deutschland keine Milliardäre besitzt.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Wo sind die neuen Milliardäre?

  1. Wo bleiben die neuen Erfolgsgeschichten?

Eine der letzten wirklich großen deutschen Unternehmensgeschichten, die aus einer vergleichsweise jungen Gründung einen globalen Konzern hervorgebracht hat, ist SAP.

Seitdem gab es selbstverständlich zahlreiche erfolgreiche deutsche Unternehmen und Start-ups. Doch die ganz großen Erfolgsgeschichten, die international neue Milliardenvermögen entstehen lassen, sind vergleichsweise selten geworden.

Gleichzeitig zeigt der internationale Vergleich ein anderes Bild.

Im Transkript wird beispielsweise China genannt: Dort sollen lediglich rund zwei Prozent der Milliardäre ihr Vermögen geerbt haben – entsprechend wären etwa 98 Prozent Selfmade-Milliardäre. Selbst in Frankreich soll der Anteil der Selfmade-Milliardäre deutlich höher liegen als in Deutschland.

Das wirft eine unangenehme Frage auf:

Warum gelingt wirtschaftlicher Aufstieg bis ganz nach oben in anderen Ländern offenbar häufiger als bei uns?

  1. Wenn Vermögen unter sich bleibt

Dass bestehende Milliardenvermögen weitergegeben werden, ist zunächst nicht überraschend.

Wer bereits über erhebliche Unternehmensbeteiligungen, Immobilien oder andere Sachwerte verfügt, besitzt gute Voraussetzungen dafür, sein Vermögen langfristig zu erhalten und weiter auszubauen.

Genau daraus kann jedoch ein strukturelles Problem entstehen.

Wenn bestehende Vermögen über Generationen wachsen, gleichzeitig aber immer weniger neue Unternehmer in diese Größenordnung vorstoßen, verfestigt sich die Vermögensstruktur.

Die Spitze bleibt bestehen – aber sie erneuert sich kaum.

Und genau das kann gesellschaftlich problematisch werden.

Denn eine funktionierende Marktwirtschaft lebt nicht nur davon, dass Vermögen geschützt werden kann. Sie lebt auch davon, dass Menschen durch Unternehmertum, Innovation und Leistung neues Vermögen schaffen können.

  1. Sind die Rahmenbedingungen das eigentliche Problem?

Eine mögliche Erklärung liegt in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Hohe Abgaben, Bürokratie, Energiekosten, Infrastrukturprobleme und regulatorische Unsicherheiten können dazu führen, dass Unternehmen ihre Investitionen zunehmend außerhalb Deutschlands tätigen oder Gründer von Beginn an andere Standorte bevorzugen.

Gerade bei Zukunftstechnologien wird das relevant.

KI-Unternehmen benötigen enorme Mengen Energie und leistungsfähige digitale Infrastruktur. Raumfahrtunternehmen, Industrieunternehmen und andere kapitalintensive Geschäftsmodelle brauchen langfristige Planungssicherheit und wettbewerbsfähige Standortbedingungen.

Fehlen diese Voraussetzungen, verschwinden gute Ideen nicht automatisch.

Sie entstehen möglicherweise nur woanders.

Das wäre für Deutschland langfristig wesentlich problematischer als die bloße Frage, wie viele Milliardäre im Land leben.

Die Erbschaftsteuer bekommt dadurch eine neue Dimension

Gerade vor diesem Hintergrund wird die Debatte über die Erbschaftsteuer interessant.

Ein häufiges Argument gegen sie lautet: Das Vermögen wurde bereits erwirtschaftet und während seiner Entstehung versteuert. Warum sollte der Staat beim Übergang auf die nächste Generation erneut zugreifen?

Dieses Argument ist nachvollziehbar – insbesondere beim klassischen Eigenheim, kleineren Vermögen oder Familienunternehmen.

Bei Milliardenvermögen stellt sich jedoch eine andere Frage.

Wenn ein großer Teil der wirtschaftlichen Spitze sein Vermögen erbt, während gleichzeitig der Aufstieg neuer Unternehmer schwieriger wird, entsteht möglicherweise ein Ungleichgewicht.

Dann geht es nicht mehr nur um die Frage:

„Soll Erben besteuert werden?“

Sondern auch darum:

„Wie schaffen wir wieder Bedingungen, unter denen neue Vermögen entstehen können?“

  1. Erbschaftsteuer als Investition in neue Wertschöpfung?

Eine denkbare Position wäre deshalb, bei extrem großen Vermögensübertragungen genauer hinzusehen.

Nicht mit dem Ziel, zusätzliche Einnahmen einfach im allgemeinen Staatshaushalt verschwinden zu lassen, sondern um damit gezielt neue wirtschaftliche Chancen zu schaffen.

Einnahmen aus der Besteuerung sehr großer Erbschaften könnten beispielsweise unmittelbar für bessere Bedingungen für Gründer, Investitionen, Infrastruktur oder Zukunftstechnologien eingesetzt werden.

Der Gedanke dahinter:

Bestehendes Vermögen soll nicht bekämpft werden – neues Vermögen muss wieder entstehen können.

Deutschland braucht nicht weniger erfolgreiche Unternehmer. Im Gegenteil.

Es braucht mehr Menschen, die Unternehmen aufbauen, Innovationen schaffen, Arbeitsplätze ermöglichen und international wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle entwickeln.

Leistung muss wirtschaftlichen Aufstieg ermöglichen

Genau hier liegt der entscheidende Punkt.

Es geht nicht darum, dass jeder Mensch am Ende das gleiche Vermögen besitzen muss. Eine Marktwirtschaft wird immer unterschiedliche Einkommen und Vermögen hervorbringen.

Problematisch wird es aber dann, wenn wirtschaftlicher Aufstieg zunehmend davon abhängt, in welche Familie jemand hineingeboren wurde.

Wer eine gute Idee hat, Risiken eingeht, Arbeitsplätze schafft und über Jahrzehnte ein Unternehmen aufbaut, sollte zumindest die realistische Möglichkeit haben, wirtschaftlich ganz nach oben zu kommen.

Wenn dagegen bestehende Milliardenvermögen weitgehend unter sich bleiben und gleichzeitig die Hürden für neue Unternehmer steigen, entsteht langfristig eine geschlossene Vermögenselite.

Das wäre weder für die Wirtschaft noch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine besonders gute Entwicklung.

Fazit: Deutschland braucht wieder mehr Selfmade-Erfolg

Die Tatsache, dass ein großer Teil der deutschen Milliardäre sein Vermögen geerbt hat, ist zunächst keine Kritik an den Erben selbst.

Sie ist vielmehr ein Hinweis auf eine strukturelle Frage:

Warum entstehen bei uns so wenige neue Milliardenvermögen durch Unternehmertum?

Deutschland besitzt Know-how, Kapital, gut ausgebildete Fachkräfte und eine lange Tradition erfolgreicher Unternehmen. Die Voraussetzungen für neue internationale Erfolgsgeschichten wären grundsätzlich vorhanden.

Entscheidend ist deshalb, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich Leistung und Unternehmertum wieder stärker lohnen.

Denn eine gesunde Wirtschaft braucht nicht nur Menschen, die bestehendes Vermögen bewahren.

Sie braucht vor allem Menschen, die neues schaffen.

Diesen Beitrag teilen über

Kontaktdaten für Speakeranfragen

Ob Sie einen Vortrag beziehungsweise eine Analyse zu einem bestimmten Thema wünschen oder eine persönliche Beratung begehren - mein Team und ich stehen Ihnen gerne zur Verfügung. Wir bringen die langjährige Erfahrung in verschiedensten Bereichen mit, Ihnen wertvolle Einblicke und Ratschläge geben zu können, wie Sie durch finanzielle Intelligenz und kontinuierliche Verbesserung Ihr Vermögen sichern können!